Positionalität / Insider-Outsider-Analyse / Dekolonisierung

by Jeannine Wintzer

Positionalität ist die Vorstellung, dass persönliche Werte, Ansichten und der Standort in Zeit und Raum beeinflussen, wie Forschende die Welt verstehen. In diesem Zusammenhang sind Geschlecht, Rasse, Klasse und weitere Aspekte von Identitäten wie beispielsweise Einkommen Indikatoren für soziale und räumliche Positionen. Positionen wirken sich auf das Wissen aus, das eine Person über Dinge hat, sowohl über materielle als auch abstrakte. Folglich ist Wissen das Produkt einer bestimmten Position. Fragen der Positionalität stellen die Vorstellungen einer wertfreien Forschung in Frage, die die menschliche Subjektivität aus den Prozessen, die Wissen und Identitäten hervorbringen, ausgeklammerte. Folglich ist es unerlässlich, die eigene Position im Forschungsprozess zu reflektieren (Wharf 2010).

  • Corbin Dwyer S. & J. L. Buckle (2009): The space between: on being an insider-outsider in qualitative research. In: International Journal of Qualitative Methods 8, 1, 54–63.
  • Hellawell D. (2007): Inside–out: analysis,  of the insider–outsider concept as a heuristic device to develop reflexivity in students doing qualitative research. In: Teaching in Higher Education 11, 4, 483–494.
  • Ntanyoma, R.D. (2021): Fieldnotes, Field Research, and Positionality of a “Contested-Native Researcher. In: International Journal of Qualitative Methods 20, 1–13.
  • Rabe, M. (2003): Revisiting ‚insiders‘ and ‚outsiders‘ as social researchers. In: African Sociological Review / Revue Africaine De Sociologie 7, 2, 149–161.
  • Gold, L. (2002): Positionality, Worldview and Geographical Research: A Personal Account of a Research Journey. In: Ethics, Place & Environment. A Journal of Philosophy & Geography 5, 3, 223–237.
  • Wharf, B. (2010): Positionality. In: Encyclopedia of Geography. London: Sage, https://sk.sagepub.com/reference/geography.

Eine Debatte, die sich an das Thema Positionalität anschließt ist die der Dekolonialisierung der Methoden im Speziellen und der Wissenschaft im Allgemeinen. Mittlerweile bieten eine Vielzahl von Publikationen Strategien und Praktiken hierzu an; ein Thema, dass auch oder gerade in der Geographie von großer Bedeutung ist.

  • Smith, Linda Tuhiwai  (2021): Decolonizing Methodologies. Research and Indigenous Peoples. London: Bloomsbury Publishing.
  • de Leeuw, Sarah & Sarah Hunt (2018): Unsettling decolonizing geographies. In: Compass Geography 12, 7, e12376.
  • Hunt, Dallas & Shaun A. Stevenson (Decolonizing geographies of power: indigenous digital counter-mapping practices on turtle Island. In: Settler Colonial Studies 7, 3, 372-392.

Eine weitere wichtige Frage, die im Rahmen von Positionalität gestellt wird, ist die Frage nach der Einbindung der Forschenden in die schriftliche Wissensvermittlung von Forschungsdaten, -prozessen, -ergebnissen.  Im Folgenden einige Literaturhinweise zum Umgang mit dem „ich“ beim wissenschaftlichen Schreiben.

  • Davis, K. (2018) Auto/Biography – Bringing in the ‘I,’. In: Lutz, H., Schiebel, M., and Tuider, E. (Hrsg.) Handbuch Biographieforschung. Wiesbaden: Springer VS, 633–646.
  • Massmünster, M. (2014) Sich selbst in den Text schreiben. In: Bischoff, C., Oehme-Jüngling, K., Leimgruber, W. (Hrsg.): Methoden der Kulturanthropologie. Bern: Haupt, 522-538.
  • Ellis, C. (2004) The ethnographic I: A methodological novel about autoethnography. Walnut Creek: AltaMira Press.